„Wilhelmshaven ist den Chancen im Bereich des Tourismus nicht genügend nachgekommen“

Auf einer gut besuchten Mitgliederversammlung des SPD – Ortsvereines Wilhelmshaven West konnte der Ortsvereinsvorsitzende Karlheinz Föhlinger als Referenten Prof. Dr. Hartmut Luft begrüßen. Prof. Luft sprach zu dem Thema „Der Tourismus hat in Wilhelmshaven nicht den Stellenwert, der ihm zusteht“.

Nicht alles im Bereich des Tourismus sei in Wilhelmshaven schlecht, so der Referent, man sei lediglich den Chancen nicht genügend nachgekommen. Die Stadt Wilhelmshaven sehe sich sehr guten Rahmenbedingungen im Tourismus gegenüber, insbesondere weil dieser Bereich ein stabiles Wachstum verzeichne. Die Frage sei nur, wie sich die Stadt mit entsprechenden Angebotsgegebenheiten, mit einer entsprechenden Tourismusorganisation und mit einer entsprechenden Vermarktung auf die gute Tourismusentwicklung einstelle. Die Reisezielentscheidung beziehe sich heute immer mehr auf den Profilzusammenhang zwischen Tourismusort (Unterkunftsstandort) und Tourismusgebiet (Umgebung). Die Gäste, so Prof. Luft, seien mobiler geworden. Dies zeige sich vor allem im Radwandern. Immer mehr Urlauber stellten sich heute auf ein erholsames aktionsbezogenes Landschaftserlebnis ein mit einer entsprechenden Vernetzung des Natur- und Kulturangebotes. So liege Wilhelmshaven unmittelbar an der Nordsee und biete ein vielfältiges touristisches Angebotsspektrum (kulturelle Einrichtungen, Wochenende an der Jade). Gleichzeitig bestehe räumlich ein komplementärer Angebotsverbund mit den Nordseeinseln und Nordseeküstenbädern. Während der Sommersaison besuchten allein aus dem Wangerland rund 200.000 Tagesgäste Wilhelmshaven. Prof. Luft wies in diesem Zusammenhang aber auch auf Negativfaktoren im Innenstadtbereich (zerrissene Innenstadtstruktur, disharmonisches Aufrissbild, niveauloses Einzelhandelsangebot) hin, an denen gearbeitet werden müsse. Auch fehle es an einem aktuellen und ansprechenden Tagesbesuchsflyers. Zudem sei die Tourist – Information unter dem Dach der Nordseepassage schwer zu finden. Tourist – Informationen von heute seien Welcome Center. Beratungen und Empfehlungen sowie Unterkunftsvermittlungen und die Unterbreitung von Aufenthaltsangeboten fänden heute an einem Tisch mit Sitzgelegenheiten statt. Zudem biete man Kaffee und Tee mit aufgestellten Automaten an.

Prof. Dr. Luft und Ortsvereinsvorsitzender Karlheinz Föhlinger

Prof. Luft kritisierte auch, dass sich die WTF (Wilhelmshavener Tourismus und Freizeit GmbH) bisher zu wenig auf den Übernachtungstourismus eingestellt habe und dabei die guten Chancen in der Nachfrageerschließung verkenne. Es fehle zudem ein gemeindeübergreifendes Urlaubsmagazin, um zielgruppenorientierte ‚thematisierte‘ Aufenthaltsprofile herausstellen zu können. Das Wilhelmshavener Urlaubsmagazin sei lediglich ein Sammelsurium von Angeboten, das Layout löse mit seinen Bildern und Texten keine Emotionen aus. Man solle zudem bedenken, dass sich der Erholungstourismus heute immer mehr mit dem Gesundheitstourismus verbinde (Thalasso – Therapie sowie Fitness, Bewegung, Ernährung, Stressreduktion). Die Stadt Wilhelmshaven könnte ihre Nachfragewirksamkeit als Urlaubsstandort deutlich erhöhen, wenn sie sich mit dem Südstrand und den Angrenzungsräumen Schleuseninsel und Banter See ortsteilbezogen als ‚Nordseebad‘ auszeichnen würde. Leider habe man, so Prof. Luft, in der Vergangenheit aus der Sicht des Tourismus eine destruktive Flächennutzung betrieben (Kleingärten im Hinterland des Deiches am Südstrand, Nichtöffnung des Banter Sees in Richtung Großer Hafen, Schadstoffbelastung des Banter Sees). Diese Destruktivität halte auch gegenwärtig mit der geplanten Wohnbebauung des Nordufers des Banter Sees an.

Im Bereich der Tourismusorganisation plädiert Prof. Luft dafür, dass zunächst ein Tourismusverein in Wilhelmshaven gegründet wird, dem alle Tourismusinteressenten in Wilhelmshaven beitreten könnten. Dieser Verein könne dann zusammen mit anderen tourismusbezogenen Vereinen und Verbänden als Mitgesellschafter in die WTF eintreten. Dann werde sich die WTF GmbH in Wilhelmshaven auf die Interessen der Mitgesellschafter einstellen können.

Man solle stets bedenken, dass der Tourismus an wirtschaftlich schwach ausgeprägten Standorten eine Ausgleichsfunktion einnehme. Er transferiere überschüssige Kaufkraft dorthin, wo die örtliche und regionale Binnennachfrage gering sei. Er verschaffe aber auch die Möglichkeit, durch eine bessere Infrastrukturausstattung die Lebensqualität der einheimischen Bevölkerung zu steuern. Dadurch löse der Tourismus, so Prof. Luft, auch einen Zuwachs an Neubürgern aus.

Den Ausführungen des Referenten schloss sich eine engagierte Diskussion an. Viele Mitglieder des SPD – Ortsvereines West verurteilten die vorschnell auf Profit ausgerichtete Wohnbebauung am Nordufer des Banter Sees. Für die Tourismusentwicklung interessante Flächen würden so dem Markt entzogen. Generell fehle es immer noch an einem städtebaulichen Gesamtkonzept als Grundlage für einzuleitende Aktivitäten. Man könne die Bürger nicht über Step Plus und Banter See – Konferenzen einerseits in städtische Planungen mit einbeziehen und sie andererseits seitens der Stadt mit Bauplänen am Banter See vor vollendeten Tatsachen setzen.

 

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