„Ein Teil der Arbeit findet nach wie vor auf dem Dach statt“

Auf einer gut besuchten Mitgliederversammlung des SPD – Ortsvereines Wilhelmshaven West begrüßte der Ortsvereinsvorsitzende Karlheinz Föhlinger als Referenten den Schornsteinfegermeister und das Ortsvereinsmitglied Timo Claassen. Er spricht zu dem Thema „Schornsteinfeger im Wandel der Zeiten“.

 Schornsteinfegermeister Timo Claassen

In früheren Jahrhunderten prägten Holzhäuser, oftmals eng aneinander gebaut, das städtische Stadtbild, so dass die Feuergefahr allgegenwärtig war. Um diese Feuergefahr einzudämmen, so Schornsteinfegermeister Claassen, strich man die Schornsteine mit Lehm aus. Gleichwohl lagerten sich durch das Verbrennen von feuchtem Holz Ruß und Teer in den Schornsteinen ab. Da sich Teer schon bei niedrigen Temperaturen entzünden und zu schwerwiegenden Bränden führen könne, kletterten kleinwüchsige Menschen in die offenen Rauchabzüge und Schornsteine und kratzten den Teer- und Rußbelag ab – der Beginn des Schornsteinfegerhandwerkes. Das Schornsteinfegerhandwerk breitete sich, aus Italien kommend, im 16. Jahrhundert auch in Norddeutschland aus. Die Feuergefahr sei dadurch erheblich vermindert worden, so Claassen. Schornsteinbrände, Funkenflüge und die daraus resultierenden Hausbrände seien nicht mehr in dem Maße zu befürchten gewesen, wie es vorher der Fall gewesen sei. Viele Menschenleben seien dadurch verschont worden. Man erkannte den enormen Nutzen und die Notwendigkeit dieser Arbeit, sofern sie regelmäßig durchgeführt wurde. Die Schornsteinfeger hätten die Aufsicht für ein Fürstentum, Herzogtum, Dörfer oder Stadtteile inne gehabt. Es sei vielerorts eine Feuerverordnung erlassen worden, in der die Durchführung dieser Tätigkeiten als unabdingbar galt und der Schornsteinfeger übe diese Tätigkeit bis zum heutigen Tage aus. Ständig erweiterte sich das Berufsbild, da sich auch die Heizgewohnheiten, Ofen-, Feuerungs- und Brennstoffarten den Weiterentwicklungen des Hausbaus und dem damit verbundenen Wärmebedarf angepasst hätten.

 

Der Schornsteinfeger, der heute als Glücksbringer gelte, trage eine typische Berufskleidung, so Claassen: einen Zylinder als Kopfbekleidung, einem schwarzen Kehranzug mit Koller (kragenlose Jacke mit goldfarbenem Knopfbesatz) und breiten, schwarzen Gürtel mit goldener Schnalle.

 

Heute seien Schornsteinfeger für die Reinigung und Wartung von Heizungs-, Abgas- und Lüftungsanlagen zuständig. Durch den vermehrten Einsatz von Gas- und Ölheizungen sei die Reinigung sogar eher zu einer Nebensache geworden. Den Hauptteil der Arbeit mache die Messung der Emissionen aus. Außerdem berieten Schornsteinfeger sehr viel. Etwa, welche Feuer- und Lüftungsanlagen zu welchem Haus passen und wie man bestehende Anlagen erneuern oder erweitern sollte. Sie würden sich außerdem mit Brandschutz und Energieverwendung auskennen und führten auch hier bei den Kunden Beratungen durch.

Auch die intellektuellen Anforderungen seien größer geworden. Schornsteinfeger müssen heute über Gesetzte und Verordnungen Bescheid wissen. Wichtig sei außerdem eine gewisse Technik-Affinität. Denn wie die allermeisten Berufsbilder bleibe auch der Job eines Schornsteinfegers nicht vom digitalen Wandel verschont. Mittlerweile arbeiteten viele Betriebe mit speziellen Computerprogrammen. Ganze Heizsysteme und Anlagen könnten so gesteuert werden. Daher sei es wichtig, die Software bedienen zu können und Spaß an Innovationen mitzubringen. Praktisch bleibe der Beruf dennoch: denn die Fachkräfte müssten immer noch viel Handarbeit an den Heizungs-, Abgas- und Lüftungsanalgen machen. Dafür brauchten sie spezielle Maschinen und Werkzeuge, die sie außerdem selbst warten und reinigen müssten. Ein Teil der Arbeit finde nach wie vor auf dem Dach statt, wo sich Schornsteinfeger oft ungesichert bewegen. Daher sei eine Grundvoraussetzung für den Job, sich auch in extremen Höhen schwindelfrei bewegen zu können. Natürlich sollten auch Dreck und Dunkelheit angehende Kaminkehrer nicht schrecken. Es komme immer noch vor, dass sie in Kamine klettern müssen, um diese reinigen zu können.

 

Neben wettbewerblichen Tätigkeiten des Schornsteinfegers (Messungen, Reinigungen und Überprüfungen kleinerer und mittlerer Feuerungsanlagen gemäß Feuerstättenbescheid) nehme der bevollmächtigte Schornsteinfeger folgende rein hoheitliche Aufgaben wahr:

– die Führung des Kehrbuchs mit der Kontrolle, ob die vorgeschriebenen Schornsteinfegerarbeiten fristgerecht durchgeführt wurden

– die Durchführung der Feuerstättenschau zweimal in sieben Jahren einschließlich der Prüfung der Betriebs- und Brandsicherheit der Anlagen

– Ausstellung von Feuerstättenbescheiden

– die Durchführung von anlassbezogenen Überprüfungen

– die Ausstellung von Bescheinigungen zu Bauabnahmen nach Landesrecht und

– die Durchführung von Ersatzvornahmen, wenn Eigentümer ihren Reinigungs- und Überprüfungs- oder Messpflichten nicht nachkommen.

Der Schornsteinfeger könne sich nach Neuregelungen im Schornsteinfegerhandwerk zusätzlich beispielsweise verstärkt der Energieberatung widmen oder sein Angebot als Schornsteinfeger mit sonstigen Tätigkeiten „rund ums Haus und den Brandschutz“ komplettieren. Dazu, so Claassen, gehörten

– die Reinigung von Feuerstätten

– das Erstellung von Energieausweisen

– das Erstellen von KfW-Förderanträgen

– die Gas – Hausschau

– das Montieren von Rauchwarnmeldern

– die Blower-Door-Messung (Luftdichtigkeitsmessungen an Gebäuden).

Den Ausführungen des Referenten schloss sich eine engagierte Diskussion an. Zudem waren die anwesenden Mitglieder beeindruckt von Timo Claassens Sachkompetenz und der anpackenden und kommunikativen Art und Weise. Ein anwesendes Ortsvereinsmitglied fragte Genosse Claassen, ob er sich vorstellen könne, als SPD – Mitglied für den Niedersächsischen Landtag zu kandidieren. Timo Claassen machte daraufhin deutlich, daß er sich eine Kandidatur für den Landtag vorstellen könne. Ohne Gegenstimmen unterstützte der SPD – Ortsverein Wilhelmshaven West dieses Vorhaben des Genossen Claassen.

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